Zwischen Atmosphäre und Rhythmus – der Komponist Harald Bluechel
Im Theater Neumarkt wird die Video-Oper «Memory von Filmemacherin Crescentia Dünsser und Theatermann Ono Kukla mit der Musik von Harald „Cosmic Baby“ Bluechel uraufgeführt. Alfred Zimmerlin hat sich mit dem Komponisten unterhalten.
Probe für die Video-Oper «Memory» im Theater Neumarkt: Die Bühne ist streng aufgebaut mit drei Projektionsflächen, drei Schauspelerinnen und Schauspielern, einem Streichquartett. Regisseur Otto Kukla arbeitet direkt am inhallichen Material, improvisatorisch, offen, aber ganz klar mit dem Ziel, grosse Präzision zu erreichen. Die vier Musikerinnen und Musiker des jungen, hochbegabten Amar-Quartetts spielen eine repetitive, leicht an Steve Reich erinnerde Musik mit einem schnellen Dance-Beat im Cello.
Im Publikumsraum sitzt der Komponist, Harald Bluechel alias Cosmic Baby. Er stampft plötzlich den Rhythmus mit dem Fuss hart mit, dann beginnen seine Hände zu tanzen, und der Korper macht mit, als ob Cosmic Baby auf der Bühne wäre.
Die Musik hat Rhythmus, hat Ambiente und führt einen durchs Stück: Sie schafft Räume für das Erleben des Theaters, seiner Bilder. Bluechel berichtet: „Ich wusste, es wird ein offenes Stück. Zunächst suchte ich eine Grundstimmung, denn dafür ist die Musik da: Das Theater soll sich ja auf einer sinnlichen Ebene abspielen. Weil der Arbeitsprozess aber offen ist, musste auch die Partitur so gestaltet sein, dass ich jederzeit mit dem Quartett auf eine szenische Änderung reagieren konnte“.
Drei alte Damen memorieren in Videoprojcktionen ihr Leben, Schauspielerinnen und Schauspieler geben ihnen gleichzeitig auf der Bühne Fleisch und Blut. Erinnerung, das sei eine fliessende Sache, sagt Bluechel. „Aus meiner gegenwärtigen psychologischen Verfassung heraus interpretiere ich Teile meiner Vergangenheit immer wieder anders. Deshalb wollte ich ein musikalisches Thema, das eher intuitiv funktioniert, ein fliessendes, repetitives Thema mit Herzschlag-Rhythmik. Man könnte es unendlich lange fortsetzen, es schaflt eine Atmosphire. Erst als ich dieses Thema gefunden und konstruiert hatte, ging ich an die programmatischen und episodischen Teile der Musik, denn das Stück ist ja unterteilt in Strecken – Kindheit, Pubertät, das Erwachsenwerden..» Das abstrakte, bilderlose Hauptthema aber präge das Stück.
Schon als Kind, während seiner sehr früh er-folgten Ausbildung zum Konzertpianisten, fühltesich Bluechel zu den zwei Hauptelementen seiner Musik hingezogen: Rhythmus und Atmosphäre – damals war das die Musik von Bela Bartok und Claude D4ebussy. Für den Fünfzehnjährigen wurde der Film „Koyaanisqatsi“ mit der Musik von Philip Glass zur Offenbarung, denn hier fand er die Synthese der beiden Welten. Er entdeckte Steve Reich, Tangerine Dream, Kraftwerk – und wurde digitaler Musiker. Cosmic Baby eben.
Doch Bluechel wollte trotz allem Erfolg nicht stehenbleiben. „Elektronik darf nicht zum Selbstzweck werden, inhaltsleer. Ich will die Stärken und Schwächen des Mediums kennen und nutze zen und sie immer wieder in Verbindung bringen mit dem, was mich bis dato ausgemacht hat, als Schaffender und als Mensch.» Wenn nur noch Technik gezeigt werde, sei vielleicht das Staunen gross, aber es bleibe nichts zurück ausser dass irgendetwas technisch Tolles abgelaufen sei. Die inhaltliche Herausforderung eines Projekts wie «Memory», seine Fra-gilität, der Seiltanz, der hier stattfinde. das bringe dasPublikum ins Theater, nicht die Technik.
In «Memory» gibt es keine elektronischen Klänge. «Die Vorgabe „Streichquartett“ war eine wunderbare Fügung denn sie deckte sich meinen eigenen Zielen. Ich begebe mich gerade auf eine reise durchs Orchester. Ich möchte das, was ich von den digitalen Möglichkeiten gelernt habe, auf eine sinnvolle Weise mit nichtelektronischen Musikinstrumenten verbinden. Das habe ich mir vorgenommen für die nächsten Jahre. Da habe ich in Berlin,wo ich an der Musikhochschule Hanns Eisler jetzt auch Seminare halte, natürlich gute Möglichkeiten“. Und er schwärmt vom Pioniergeist der jüngsten Studentengeneration, welche mit Videoclips und Techno aufgewachsen ist. «Sie verstehen, um was es geht. Nicht einfach Sequencer-Musik mit Instrumenten nachzumachen, sondern eine neue Ebene zu finden, wo sich eine neue Sache abspielen könnte.“
Alfred Zimmerlin